Vorträge & Aufsätze

Roos  –  Ridinger  –  Wintter

oder  drei  Generationen

eines  ermatteten/abgelebten  Pferdes

mit  niederländisch-italienisierenden  Vorfahren

Mit angenommener Provenienz Johann Elias Ridinger’s (Ulm 1698 – Augsburg 1767) erstveröffentlichten die Städtischen Kunstsammlungen Augsburg im von Rolf Biedermann herausgegebenen 1987er Ausstellungskatalog Meisterzeichnungen des deutschen Barock aus Eigenbesitz unter Position 54 „Lagernde Tiere in Felslandschaft“[1] von Johann Heinrich Roos (Otterberg/Pfalz 1631 – Frankfurt/Main 1685).

Das Blatt wird dominiert von einem „ermattet stehenden Pferd“ nach rechts. Es korrespondiert mit dem nach links blickenden Schimmel des 1673er Öls in Pommersfelden[2].

Im Gegensinn begegnen wir dem Pferd – wie auch Roosens gleichfalls in Augsburg befindlichem zeichnerischen „Stier mit der Glocke[3] – in Ridinger’s zwischen 1724 + 1728 innerhalb der zu den allerfrühesten auch selbst gestochenen/radierten Arbeiten zählenden zweiten (von drei) Folgen von „Viehstücken nach Roos[4].

Johann Elias Ridinger, Altes Pferd

Dreißig Jahre (1755) später greift er dessen Vorbild noch einmal auf und übernimmt das ermattete Tier bei gleicher Stellung und wiederum Linksausrichtung, doch nun in typisch eigenständigem Umfeld, nunmehr als „Eine gar alte Schind Gurre“ (20 x 14,8 cm) für seinen „Entwurf Einiger Pferde“, kommentiert von Thienemann (488) mit den schönen Worten

Johann Elias Ridinger, Gar alte Schind Gurre

„ Man  sieht  sie,  um  mit  Brockes  zu  reden :

‚ Nicht  gern  und  doch  sehr  gern  an ‘. “

Wiederum eine Künstlergeneration weiter erwärmt sich 1783 der früh vollendete Joseph Georg Wintter (1751 München 1789) für das Thema, wobei er Ridinger’s 1755er Version des abgelebten Tieres mit dem ursprünglichen Ambiente der kargen Landschaft verknüpft und unter Fortlassung der übrigen Tiere Roosens Rechtsstellung des Pferdes wiederherstellt (14,5 x 20,5 cm).

Joseph Georg Wintter, Abgelebtes Pferd

Veröffentlicht zunächst als Blatt 5 der 1783/84er 8blätterigen Folge von Thier-Stücken (Niemeyer 26-33; Nagler 8), sodann als Blatt 7 (Niem. 30, II) in der auf 12 vermehrten 1784er Folge Niem. 34-39/N. 13, „invendirt und radirt in München“. Das Pferd überlebt schließlich unter abermaliger Umnumerierung auf 1 (Niem. 30, III; Schwerdt 27) die Reduzierung der Motive auf nur noch sechs innerhalb des frühestens 1821 herausgekommenen 44blätt. Augsburger Sammelbandes Schwerdt III, 190[5].

Daß Wintter dabei dem Pferd in Brockes’ obigem Sinne zugetan war, erhellt eine aus gleichem 1783er Jahre hier früher durchgelaufene, überaus sympathische weiß gehöhte schwarze Kreidezeichnung auf bläulichem Papier (228 x 314 mm), die das Alte Pferd nach links an der Tränke auf dem Hofe zeigt, sinnend betrachtet von einem gleichfalls alten Manne mit Stock. Wobei diese Zweiergruppe indes keineswegs den Altersjammer der Radierung vermittelt.

Joseph Georg Wintter, Ein altes Pferd

Hier konkret über drei Künstlergenerationen hinweg belegt, dürften sich gleichwohl auch für Roos noch Vorbilder ausmachen lassen. Denn

„ Auf dem Gebiet der Landschafts- und Tiermalerei … folgte er den italienisierenden Neuerern, vor allem Nicolaes Berchem (1620-1683) und Karel Dujardin (1622-1678), die … ihr barockes Empfinden in einer vielgestaltigen Wiedergabe der Natur zum Ausdruck brachten “

(Katalog Kaiserslautern, Seite 12).

Hingegen erinnert Nikulin gelegentlich des Petersburger Öls „Gypsi Encampment amidst Classical Ruins“ namentlich an van Laer (1592/95-1642) mit den Worten :

„ The picture reveals the influence of Dutch masters active in Rome, especially Pieter van Laer and his circle. “[6]

Damit niederländische Einflüsse, wie sie generell auch für Ridinger in jüngster Zeit unabhängig voneinander von verschiedener Seite geltend gemacht werden, denen nachzugehen frühere Literatur bereits angeregt hat.

Zuletzt aktualisiert am 31. August 2017.

 

Fußnoten

[1] Inv.Nr. G.1671, Schwarze Kreide, Blei und Pinsel in Grau, 256 x 302 mm. – Eine weitere unter Z.419 in Coburg. – Zurück
[2] Jedding, Roos, 1998, Abb. 67; Ausstellungskatalog Kaiserslautern, 1985, Pos. 30 + Abb., 37 x 30,5 cm. – Zurück
[3] Pos. 55 des 1987er Ausstellungskatalogs nebst Abbildung. – Zurück
[4] Thienemann 797-802 bei willkürlicher Führung des Alten Pferdes (25,9 x 32,1 cm) als Blatt 6 (802) statt Blatt 3 infolge Beschnitts seines Exemplars unter Fortfall der Numerierung. – Siehe Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, IV.15 nebst Abbildung. – Unter Beiseitelassung von Varianten trägt der in der Regel vorkommende III. Zustand der ca. 26,8-27 x 30,7-31,3 cm messenden Folge die Adresse Johann Georg Hertel’s (lebte noch um 1760) in Augsburg als dem Stammvater der dortigen Kupferstecherfamilie. Dieser Hertel-Zustand ist nicht zu verwechseln mit der von Th. zum Abschluß von 802 erwähnten auf ca. 21 x 15 cm verkleinerten (und veränderten) Hertel’schen Wiederholung , von denen 4 Blatt unter Th.-Stillfried 1374-1377 figurieren. Unter diesen als sichtbar zentral erachtet das Alte Pferd (Blatt 2), nämlich reduziert um die Ziege und vier der fünf Schafe, aber auch unter Fortfall des „Elias Ridinger sculpsit Aqua forti“. – Zurück
[5] „Rare“ und als irrigerweise „mostly proofs“, was die noch immer hohe Druckqualität belegt, wie denn ja auch Weigel 21336 gelegentlich der 137blätt. Gesamtausgabe konstatiert: „Die meisten Blätter sehr selten“ (Kunstlager-Catalog, Abt. XXVIII, 1857). – Zurück
[6] The Eremitage Catalogue of Western European Painting, Bd. XV, Pos. 73 + Abb., 51,5 x 59 cm. – Zurück

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