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Schriftenreihe

Alexander  der  Große

Vom

„ Heldenmüthigen  Alexander “

zum

„ ein  Bild  vom  Wilden  Sieger  schauen “

 

Der  Wandel  seines  Porträts

im  Werke  eines  Künstlers

der  Zeit  des  Absolutismus

binnen  eines  Jahrzehnts

 

Die  Alexander-Werkgruppe

Johann  Elias  Ridinger’s

Ulm 1698 – Augsburg 1767

 

„ Es  ist  immer  wieder  atemberaubend ,

was  für  Angebote  Sie  machen  können “

( Ein internationaler Verleger gelegentlich einer früheren hiesigen Ridinger-Offerte )

 

Belagerung + Eroberung  von  Halicarnassos

Johann Elias Ridinger, Belagerung und Eroberung von Halicarnassos

Obsidio et expugnatio Halicarnassi, urbis totius cariæ capitis. / Die Belagerung (und Eroberung) der Haupt=Stadt Halicarnassus unter Alexander dem Grossen. Das Schlachtgetümmel – mit mithetzendem Saurüden ganz vorn unten links oberhalb der Ridinger-Signatur – gemäß nachfolgendem Untertext im ersten Jahr des Alexanderzuges, 334 v. Chr., mit Alexander auf Schimmel (Bukephalos?) rechts im Mittelgrund, zwei Kriegern zu Fuß Order erteilend. Kupferstich von Johann Daniel Herz I (1693 Augsburg 1754; ein „Kunstverleger mit Blick für Qualität“ [Rolf Biedermann, 1987], „[g]enannt seien besonders seine Blätter großen Formats“ [Thieme-Becker, 1923]). Mitte der 1720er. Bezeichnet: LXXXVII (Plattenrand oben Mitte) / Ioh. Elias Ridinger invent. et delin. (im Textrand unten links) / Senior Iohann Daniel Herz sculp et exc Aug. V. (im Bildrand unten rechts), ansonsten wie vor und unten. Blattgröße 75,5 x 91,8 cm.

 

(Alexander M. Tigrim superat … / Alexander der Grosse sezet mit seiner Armée … über den ungeheuren Fluss Tygris … .) Alexanders tiefgestaffelte Tigris-Überquerung „ohne bedeutenden Widerstand“ (Meyers) 331 bei Bedzabde auf dem Zug zum Treffen gegen Dareios (III., letzter der Perser-Könige) mit der Entscheidungsschlacht am 1. Oktober bei Gaugamela unweit Abelas. Mitschwimmend ganz vorn unten rechts seitlich oberhalb der Ridinger-Signatur Saurüde, wie solcher schon zuvor präsent. Kupferstich von Johann Balthasar Probst (1673 Augsburg 1750) bei Johann Daniel Herz I (1693 Augsburg 1754). Mitte der 1720er. Bezeichnet: XCIV (Plattenrand oben Mitte) + 3zeilig im Bildrand unten rechts: Senior Ioh. Dan. Herz excud. Aug. Vind. / Iohann Elias Riedinger (sic!) pinxit / (Iohann Balthasar Probst sculps.), ansonsten mit dem hier fehlenden Untertext. Blattgröße 47,6 x 76,8 cm.

 

Umkehrentscheidung  am  indischen  Hyphasis

Johann Elias Ridinger, Alexander der Große im Herbst 326 am indischen Hypasis

als

einer  Wendemarke  der  Geschichte

Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis in Pandschab, Indien. Opferszene inmitten des Heerlagers am Ufer des Hyphasis (heute Beas/Bis River, auch Vjâsa; bei den alten Indern Arjilzi oder Vip[as]; Nebenfluß des Indus). Weißgehöhte Bister-Feder- und Pinselzeichnung mit schwarzer Einfassung. Bezeichnet in Bister auf der oberen Altarstufe unten rechts: Ioha: Elias: Ridinger: inv: et del Ao. 1723 Aug: vin. 489 x 524 mm.

 

Abrechnung  mit  dem  Alexanderzug

Johann Elias Ridinger, Der wütige Leopard (Alexander der Große), wie er einen Esel (die Zivilisation) zerreißt

als

Fanal  für  Freiheit  +  Menschlichkeit

Kämpfe reissender Thiere. Folge von 8 Blatt. Radierung und Kupferstich von Joh. Elias (1-4) und Martin Elias (1731 Augsburg 1780) Ridinger. (1760.) Gr.-2° (Plattengröße ca. 38 x 29,5 cm). Büttenbezogener Ppbd.-Bd. mit Vorderdeckel-Braunprägung „Johann Elias Ridinger Anno 1760. / Mit beygefügter vortrefflichen Poesie des hochberühmten Herrn Barthold Heinrich Brockes“ in Schuber.

 

Jede  der  vier  Positionen

– Ridinger’s  complette  Alexander-Werkgruppe –

ist  für  sich  erwerbbar

 

Als  der  20jährige  Ridinger  nicht vor 1719 von dreijährigem Aufenthalt bei Baron/Graf Metternich als dem brandenburgischen Gesandten auf dem Reichstag zu Regensburg nach Augsburg zurückkehrte, „(bewunderten) alle Kenner … seine erlangte Geschicklichkeit und Stärke sowohl in Historien- als Tierstücken“ (Thienemann). Sollten die letzteren sein ganzes Lebenswerk dominieren und landläufig zum Synonym für ihn selbst werden, so stehen die Historien für Nischen des namentlich frühen Ridinger. Und doch sind ganz maßgeblich sie es, die den gesellschaftspolitischen Kern dieses Meisters, wie bialng bewußt oder aus Nachlässigkeit übersehen, offenlegen und ihn dabei en passant auf einen kunsthistorischen Sockel von Rang erheben.

Drei bravouröse Historienkupfer sind aus Ridinger’s (1698-1767) frühen 20ern überliefert. Gewidmet zum einen dem Untergang Pharaos im Roten Meer, sodann in zwei Blättern dem Alexanderzug mit der 334er Belagerung und Eroberung von Halicarnassos und der 331er Tigris-Überquerung, alle drei als noch nicht selbst in Kupfer arbeitend von Dritten gestochen und verlegt.

Es sind Historienstücke der üblichen Art, gefertigt voll jugendlicher Begeisterung gegenüber Kampf und Heldentum, im Falle Alexanders als einem zu seiner Zeit praktisch Gleichaltrigen, eben, so in einer der Bildunterschriften, gegenüber dem „Heldenmüthigen Alexander“. Dabei gefertigt ganz sicherlich auch seitens eines Marktteilnehmers, dem die Alexander-Verehrung der Zeit, namentlich auch seines bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel ein Objekt kaufmännischer Begierde zu sein hatte.

Die Zeichnungen zu obigen drei Ridinger-Kupfern sind nicht nachweisbar. Aber dann tauchte plötzlich mit Signatur + Datum samt typischen Ridinger-Attributen wie Pferd und Hunden eine Historienzeichnung des Meister’s aus 1723 auf, die als Kupfer unbekannt war und ist. Und hiesigerseits den Alexander-Arbeiten und hier jenem welthistorischen Augenblick zuzugeben war, da der König im Herbst des Jahres 326 ante am Hyphasis (heute Vjâsa; Nebenfluß des Indus) im indischen Pandschab erkennt, daß er umkehren muß. Im Rücken das meuternde Heer, befragt er das Rauchopfer als die für ihn immer wieder letzte Instanz. Und das verheißt ihm gleichfalls nichts Gutes.

Und mit diesem rein äußerlich nun völlig unheldischen Augenblick greift Ridinger das Alexander-Thema wieder auf, will es vielleicht sogar abschließen. Und zeigt einen König, der diese Stunde annimmt und damit den Zenit seiner eigenen Geschichte akzeptiert. Er unterwirft die Herrscher-Vision von einer am Ganges gedanklich schon greifbar vor ihm liegenden Vollendung des Weltreiches dem „kleinlichen“ Verlangen seiner Soldaten, nach 8jährigem Kämpfen, 18000 km Marschierens und zuletzt 2monatigen Dauerregens endlich zu Weib und Kind heimkehren zu wollen!

Unter militärhistorischem Aspekt wird 2330 Jahre später Peter G. Tsouras in seiner Titelgeschichte „Alexander’s Most Heroic Moment“ von „MILITARY HISTORY“ (XXI, 2) dieses Geschehen die „einzige je erlittene Niederlage Alexander’s“ nennen. Er- und durchlitten im Anschluß an seinen größten Sieg wenige Monate zuvor, am Hydaspes gegen Poros, und die abgebildete hiesige 1723er Zeichnung mit den Worten betexten

„ An illustration by Johann Elias Ridinger shows Alexander after the Hydaspes, facing his greatest defeat: being compelled to turn back at the behest of his own weary officers and troops. “

Indem Ridinger nach obigen herkömmlich verherrlichenden beiden Alexander-Blättern nunmehr die psychologische Größe dieses Augenblicks

einer  vor  allem  auch  geistigen  Kapitulation

als  den

unerhört  zivilisatorischen  Moment  schlechthin

und als sein ganz persönliches (vorläufiges) künstlerisches Facit dieses einzigartigen Lebens versteht, greift er geistig seiner eigenen Zeit, der Barock-Zeit, weit voraus. Womit er gleichzeitig

das  bisherige  Historienbild

von  der  Darstellung  heldenhafter  Taten

zur  Reflexion  über  dieselben

zwei  Generationen  vorwegnehmend  fortentwickelt !

Ein kunsthistorisches Verdienst, für das in der Literatur noch die Zeit um 1800 mit dem gefeierten Bilde der unbelegten Saga vom byzantinischen Feldherrn Belisar von Jacques Louis David, dem alsbaldigen Hofmaler der Republik, von 1780/81 als Schlüsselerlebnis und Ausgangspunkt dieser neuen Bildkonzeption steht. Das aber sind sechzig Jahre  nach  Ridinger’s Alexander-Reflexion!

Wie denn in letzterer der knisternde Moment des wehenden Mantels der Geschichte verbildlicht wird, ist nicht nur eine für sich allein stehende

psychologisch  bravouröse  Meisterleistung

des erst 25jährigen – gleichen Alters vollendet etwa Thomas Mann die „Seinen Weltruhm begründenden ‚Buddenbrooks‘“ (Lennartz, 1952), was Heinz Berggruen noch hundert Jahre später nach der Herkunft der Lebensweisheit und Reife hierfür fragen läßt, veröffentlicht Gottfried Benn mit „Unter der Großhirnrinde“ seinen ersten Prosatext, den er später „gewissermaßen als Steinbruch benutzt“ (FAZ 24. 8. 01 + 22. 8. 03) – , sondern zeigt diesen geradezu als

einen  Meister  der  Moderne .

Dessen hier nur vielleicht noch – Wolf Stubbe nennt ihn schließlich einen „Systematiker, (einen) Mann des Vorsatzes“, der ans „ reflektierende  Bewußtsein“ appelliert[1] – eher unbewußten inneren Abkehr vom Heldenpathos schon in den 30ern – veröffentlicht erst 1760! – in Gemeinschaft mit Barthold Heinrich Brockes mittels Gleichsetzung eines einen Esel zerreißenden wütenden Raubtiers mit Alexander abschließend ein Verdikt dessen Eroberungszuges von gnadenloser Härte folgt :

„ … Doch  halt , mir  prägt  dein  grausam  Bild  auch  lehrende  Gedancken  ein !

Sollt  eines  Welt  Bezwingers  Blick , wohl  nicht  viel  scheußlicher  noch  sein ?

Noch größer Grausen uns erwecken? u. muß, bey ungezehlten Leichen, Die sein barbarisch Wort zerfleischt, ihm dieses Thier an Wuth nicht weichen?

Der  Hunger  spornt  den  Leoparden , den  Alexander  Übermuth .

Vergießet jener eines Thieres, vergießt der gantze Ströhme Blut. Von 50000 seines gleichen, durch eiserne gekauffte Klauen, Komm laß den(n) einst uns wo du kanst,

ein  Bild  vom  Wilden  Sieger  schauen .

Sein Blick, wofern du ihn recht trifst, geht diesen Mordbegierigen Thier An Wüten, Grimm, an Raserey und Gräßlichkeit gewiß noch für. “

Dieses Blatt gehört zu dem von Rolf Biedermann[2] für die 30er Jahre angenommenen und vom Dichterfreund Brockes (gest. 1747) betexteten zunächst nur 4blätterigen Zeichnungs-Zyklus der „Kämpfe reissender Thiere“, den Ridinger auch selbst ins Kupfer übertrug, um ihn dann aus gutem Grunde liegenzulassen. 1760 schließlich ergänzte er die Folge um vier weitere Zeichnungen, die sein Ältester, Martin Elias, überträgt und denen für die Herausgabe Brockes nachempfundene Texte beigegeben werden.

Dieser Ergänzung jener riskanten Urfolge um vier weitere, textlich nurmehr à la Brockes, und damit unverfänglich, begleitete Blätter lag neben dem Wunsche nach einer komfortableren Handelseinheit ganz sicher und wohlbewußt auch die Absicht zu Grunde, die Eklatanz der Botschaft der ersten vier weniger demonstrativ aufscheinen zu lassen. Die Aufstockung also als eine zugleich letzte Außenverpackung. Denkbar im übrigen, daß die schlußendliche Herausgabe zu gutem Teil der jugendlichen Unbekümmertheit Martin’s zu verdanken ist.

Die Lektüre der also lange vor Herausgabe von Brockes als eines, wie sich hier zeigt, Geistesverwandten zu den ersten vier beigesteuerten reichen Untertexte könnte seit altersher indes etwas zu kurz gekommen sein, obgleich natürlich auch in Brockes’ Gesammelte Schriften eingegangen. Von Thienemann ohnehin abgesehen, betrifft dieses Manko merkwürdigerweise selbst auch Wolf Stubbe, nämlich bezüglich seiner zu jenen vier Grund-Blättern gemachten Aussagen, obgleich er Brockes und dessen Untertexten einen einfühlsamen eigenen Absatz widmet.

Jene vier für die 30er Jahre angenommenen Kernzeichnungen entstanden also nur rund ein Jahrzehnt nach der Alexander-Zeichnung. Doch was in letzterer nur leise reflektierend mitanklang, die Belange des gemeinen Mannes, gedeiht in jenen ersten vier Blättern der Kämpfe-Folge nunmehr zu einer wortgewaltigen Anklage gegen Machthunger, und damit Krieg, auf Kosten der Völker.

Zum schon zitierten Blatte des einen Esel zerreißenden Leoparden (Tiger) sei zu weiterer Verdeutlichung ergänzt, daß es sich rücksichtlich der Staffage mit Mühlrad um den domestizierten Mülleresel handelt, der in diesem Zusammenhang symbolisch somit nicht nur für das für dumm verkaufte Volk steht, vielmehr generell den Frieden und die Wohlfahrt des Landes verkörpert, denen der mörderische Anschlag denn gleichermaßen gilt.

Inwieweit diese verbale Aggressivität in Einklang steht mit der zivilisatorisch so siegreichen und durchaus ins überlieferte Alexander-Bild passenden Umkehr-Entscheidung am Hyphasis, mag dahingestellt bleiben. Hier allein interessant, daß wir derselben Härte begegnen, wie in der bislang gleichsam entschieden zu wenig nachgegangenen Ridinger’schen Tod-Emblematik.

Und diese Wucht der Gedanken nicht nur bei dem zerrissen werdenden Esel. Denn diesbezüglich nicht minder aussagekräftig erweisen sich auch die übrigen drei Blatt (Das Pferd und der Löwe / Der Auer Ochs und der Tieger [recte Wisent + Panther] / Die bei ihren Jungen von einem Bären überfallene Löwin). Ja, mehr noch, stellt sich im Kontext zu ihnen die Frage, ob es Ridinger-Brockes beim Esel/Alexander-Blatte überhaupt ausschließlich um den Alexanderzug ging oder ob es nicht zugleich zu einer Verpackung in der Verpackung dienten.

Denn was sich auf den ersten Blick „nur“ als die Verdammnis des Alexanderzuges darstellt, als der Schulterschluß zum vorderasiatischen „Alexander der Verfluchte“ (BBC/NDR/WDR 1998-2000, Auf den Spuren Alexanders des Großen), lodert bei Fortnahme seiner Historie zu einem

Fanal  der  Freiheit  und  Menschlichkeit

auf. Dem Alexander als ein noch einmal in sich selbst verpacktes Synonym diente. Das Verdikt galt, zumindest gleichzeitig, eigener, absoluter Obrigkeit. Die sich ihrerseits in der Nachfolge Alexander’s sah. Die alte Alexander-Verehrung trieb an den Höfen neue Blüten. So wie Alexander 331 sich die Kleider des besiegten Persers anzieht3], so legten sich die Fürsten im Geiste die Alexander’s an. Um von Ridinger-Brockes derselben wieder entkleidet zu werden!

Denn die Gleichsetzung des wütigen Leoparden mit Alexander ist zugleich und lediglich in einem personifizierte Verpackung, eindeutige Klarstellung des Bildes im Zielfernrohr. Weitere Szenarien gelten dem System als solchem.

So heißt es zum „Pferd und der Löwe“ in Nachfolge der Marmorgruppe auf dem römischen Kapitol :

„ Ach  rettet  dieses  schöne  Thier ,

das  des  Tyrannen  Last  erdrückt!

Es  steckt  schon  in  des  Löwen  Rachen ! …

Ich  wollte  …  seinen  harten  Fall  beklagen ,

Allein ,  (der)  Löwe  bleckt  mich  an  …

und  selbst mein  Kiel  erschrickt. “

Und kämpferisch-machtvoll zur „bei ihren Jungen von einem Bären überfallenen Löwin“ :

„ Hier  bricht … in  lichten  Flammen  aus !

Wir  sehen / Die  Löwin … den  Bären  nicht  entgegen  gehen /

Entgegen  fahren , springen , fliegen ,

u : blind  vor  Zorn  v .  Wuth  entbrannt ,

Gefahr  u.  Noth  u.  Todt  verachten ,

die  seines  Feind’s  erhab’ner  Stand ,

In  vortheilhaffter  Stellung  droht ,

Sie  greifft , da  sie  nicht  anders  kan  …

so  gar  des  Bären  Bratzen  an . “

Und jubelnd zum „Auer Ochs und de(m) Tieger“ :

„ Hier  zeigt  sich  die   Gerechtigkeit ,

hier  wird  die  Grausamkeit  gestrafft ,

Und  manch  verschlungnes  Thier  gerochen ,

Der  Auer … bringt ,

mit  nicht  ungerechtem  Grimm ,

Durch  Vorsicht , Tapfferkeit  u:  Stärcke ,

den  mordbegiergen  Gegner  üm , …

Man  hört  sein  Angst  Geschrei   mit   Lust ,

u.  sieht  mit  Anmuth  seine  Pein , …

Und  ein  von  seiner  Mörder  Seele , verlaßnes  starres  Aas  entdecken . …

Man  sieht  wie  hier  des  Schauers  Blick ,

sich  an  der  Grausamkeit  vergnüge ,

Wir  sind  dem  Auer=Ochsen  gut , u.  nehmen  Theil  an  seinem  Siege . “

Doch nicht genug mit diesen vier Fanalen. Denn selbst noch in einer uns letztlich so harmonisch berührenden und optisch geradezu beglückenden Folge wie die der Anfang der 40er geschaffenen und gleichfalls noch von Brockes per hier allerdings separatem Abdruck betexteten Fabeln, auf deren stilistische Fortentwicklung zumindest aufmerksam gemacht sei[4], heißt es zur schließlich erst postum veröffentlichten 20.

bezüglich des sich vor Hunden auf einen Felsen rettenden Hasen, wo ein Falke ihm Gewalt antut :

„ Genug  man  schreibt  dem  Armen  an ,

Was  er  sein  Tage  nicht  getan .

Der  mächt’gen  Vögel  freches  Rasen

Trifft  noch  gar  oft  den  schwachen  Hasen ! “

Oder als postum diesbezüglich gleichfalls Martin Elias mit involvierend heißt es im Untertext zur väterlichen

Johann Elias Ridinger, Hier löscht des Reigers Schweiss

Reiherpirsch des Kuders

aus der 1779er Folge der Vorfallenheiten:

„ Und  so  muß  öfters  auch  dem  Mächtigen  u:  Reichen

der  gute  arme  Mann  mit  seiner  Tugend  weichen “.

Doch trostreich zu deren Blatt III,

dem vom Uhu geschlagenen Hasen

Johann Elias Ridinger, Der arme Hase wird der Eule und die des Jägers Beute

welch ersteren die Kugel des Jägers trifft:

„ Wer  Schwächre  unterdrükt ,

frolocke  nicht  zu  sehr .

Den(n)  über  ihn  kom(m)t  auch  gar  leicht  ein  Stärkrer  her “.

Und das kann zuweilen sehr rasch auch das Volk sein. So nur zehn Jahre später in Frankreich, etwas längere 210 Jahre weiter in Leipzig und Berlin. Und mitunter gehen sich die Räuber auch untereinander ans Leder. Wie etwa auf dem 1985 aus altem Leipziger Familienbesitz erworbenen faszinierenden und entstehungsmäßig mit obiger Kämpfe-Folge in Verbindung gebrachten Berliner Öl „Raubtiere und gerissener Hirsch“.[5]

Es erstaunt, wie all dies einem so akkuraten Stück-für-Stück-Betrachter wie Thienemann verborgen geblieben sein soll! Denn diese Vierer-Gruppe, und sicher rein zufällig, doch merkwürdigerweise, ist gerade sie identisch mit den nur noch vier Blatt der Folge der 1824er Neuauflage bei Engelbrecht-Herzberg, dürfte in ihrer massiven Gesellschaftskritik recht elitär in der Kunst ihrer Zeit dastehen. Unübersehbar denn auch die Standorte ihrer Autoren. Das im Mittelalter schon einmal über lange Zeit demokratisch regierte Augsburg und Hamburg waren Freie Reichsstädte! Sie erweisen sich hier schlichtweg als Vorhöfe von Liberty Island, deren in den „Kämpfe(n) reißender Thiere“ entzündete Flamme dort weiterbrennt :

The  Statue  of  Liberty  Enlightening  the  World !

Wer die Diktaturen der Braunen und Roten unserer jüngeren Vergangenheit nicht miterlebt hat, mag diesen Betrachtungen voll Skepsis begegnen. Doch er hat die das dortige Alltagsleben erleichternden kleinen Genugtuungen eben versäumt, das Ventilklatschen nicht gehört, schallte Schiller’s „Geben Sie Gedankenfreiheit“ von der Bühne, jubelte es in Leonore/Fidelio „Zur Freiheit, zur Freiheit“! Übrigens war es ausgerechnet ein ostdeutscher Vorwende-Streifen zu Beethoven, der die politische Aufsässigkeit in dessen frühen Wiener Jahren selbst noch dahingehend verdeutlichte, daß man  ihm  nicht an den Kragen gehen könne und wolle.

Auch wenn Künstler Meister in der Verpackung solcher Botschaften zu sein pflegen[6] – wiederholt sei Beaucamp’s

„ der  Barock  seinerseits  öffnete  die  Augen

für  den  komplizierten  Umgang  moderner  Künstler  mit  der  Macht “[7]

– höchst riskant blieb und bleibt dergleichen allemal! Zehn böseste Jahre Hohen-Asperg  (1777-1787) gabs – verkürzt auf den Punkt gebracht – bekanntlich für Schubart für sein Epigramm „Als Dionys aufhörte, ein Tyrann zu sein, Da ward er ein Schulmeisterlein“. Herzog Karl Eugen von Württemberg (1728-1793) als Gründer der Karlsschule hatte sich angesprochen gefühlt. Deren Gründung 1770 fiel in die Spätzeit des maßlosen Regierungsstils des Herzogs, der dann per 50. Geburtstag 1778 seine von den Kanzeln verkündete Mäßigung gelobte.

Dieses allseits bekannte Beispiel steht indirekt in Bezug auch zu Ridinger. Denn mit den Blättern Th. 288, 326 + 327 ist später auch Karl Eugen im Œuvre vertreten, ist er zeitunabhängig ein klassisches Exempel jenes Teils der Klientele, der Ridinger-Brockes ihren Vierersatz der „Kämpfe“ zugedacht haben. Die zumindest für Ridinger mit hohem wirtschaftlichen Risiko einhergehende Gefährlichkeit solchen Handelns ist offensichtlich. Thienemann, hundert Jahre später, übersah solche Aspekte lieber und dedicierte seinem Kirchenpatron mit seinem Werk das Bild eines Biedermanns. Unerfaßt in seiner Komplexität, unterschätzt in seinem Künstlertum, unzulänglich gewürdigt in seiner Persönlichkeit.

Im Falle der Kämpfe-Botschaft sei dieser Vorwurf auch gegenüber den jüngeren Autoren Stubbe und Morét[8] vorgetragen. Denn den ‚harmlosen’ Ridinger landläufigen Urteils hat es gottlob nie gegeben.

„ Er  zwingt  selbst  unsern  freyen  Geist ,

er  kan(n)  die  Seele  selbst  bewegen

Und  nach  Gefallen … (das)  Menschl:  Gemüth  erregen “,

wie Brockes dem Esel-Alexander-Blatt vorausschickt.

So ist das zusätzlich Faszinierende an der Vierer-Kern-Gruppe der „Kämpfe“ nicht zuletzt auch hier ihre Frühzeitigkeit. Denn natürlich stehen sie bereits in Kontext zum „Freiheits- und Humanitätsdrang (ihres) Jahrhunderts“ (Meyer), der Sturm-und-Drang-Epoche ihrer alten und der Geburtsstunde der neuen Welt. Aber all das bestimmte erst die zweite Hälfte des Jahrhunderts! Da war Brockes schon tot, lagen seine Texte und Ridinger’s Vorlagen längst fertig da, um Jahrzehnte den in der Luft liegenden Strömungen voraus. Auch eine Trennung dieser Texte und Bilder scheidet aus. Es war Ridinger, der sich nach deren langem Zurückhalten noch fünfzehn/zwanzig Jahre später unverändert mit diesen Texten identifizierte. Und bezüglich der Alexander-Verdammnis damit im Alter der eigenen Jugend die Frage beantwortete, die sich zwangsläufig aus der Zeichnung von 1723 entwickeln mußte.

So ist nicht nur die gesellschaftskritische Frühzeitigkeit dieser Folge faszinierend, sondern in höchstem Maße zugleich deren Aufbau. Wie hier zum einen ein altes Thema, der Alexanderzug, souverän zum Abschluß gebracht und mit einem aus ihm heraus entwickelten neuen in Parallelität gesetzt wird, ist schon bravourös.

Zuletzt aktualisiert am 12. Juni 2014.

 

Fußnoten

[1] Wolf Stubbe. Johann Elias Ridinger. Hamburg + Berlin, Parey, 1966, S. 6 – Zurück
[2] (Rolf Biedermann,) Johann Elias Ridinger 1698-1967. Katalog der Ausstellung der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg 1967, Nr. 75, dabei in Unkenntnis der späteren Entstehung der von Johann Elias nämich erst 1760 zur Herausgabe geschaffenen vier Ergänzungs-Zeichnungen zu Th. 720-723 (Nrn. 389-392 des Ridinger-Appendix des 1869er Weigel’schen Katalogs der hinterlassenen Zeichnungen), somit irrtümlich die nunmehr achtblätterige Folge als Ganzes für jene frühen Jahre und Martin Elias als deren alleinigen Stecher annehmend. Letzterer übertrug nur die Ergänzungsarbeiten auf die Platte. – Zurück
[3] Siehe Johann Andreas Wolff’s (1652 München 1716) Entwurfszeichnungen für das Deckenbild des Ankleidezimmers Kurfürst Max Emanuel’s innerhalb der sogenannten Alexanderzimmer der Münchner Residenz in Augsburg (Biedermann, Meisterzeichnungen des deutschen Barock aus dem Besitz der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg. Ebda. 1987, SS. 184 f. m. Abb.) und Stuttgart. – Zurück
[4] So erscheinen namentlich die 20. und letzte (in der hier durchgelaufenen und um einen Hund reicheren Gegensinn-Vorzeichnung als „Fab 31“ bezeichnet), mehr noch aber die 17. aus heutiger Sicht als Beispiele eines bemerkenswert weiterentwickelten künstlerischen Ausdrucksvermögens zu Gunsten einer souverän konzipierten großflächigen Klarheit, was Thienemann, deren Qualität beanstandend, nicht erkannt hat. Unterstellt, die letzterem als mit 30 numeriert bekanntgewordene ungestochen gebliebene wie auch pauschal erwähnte unnumerierte und gleichfalls unverarbeitet gebliebene weitere entsprächen alle diesem jüngeren Stil, so könnte dies der Grund sein, warum Ridinger die Folge 1744 als nur 16blätterig auf sich beruhen ließ. Denn auf 20 ergänzte sie erst postum Martin Elias an Hand hinterlassener Vorlagen. Demnach hätte der Meister eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Werke gescheut oder wäre doch zumindest über die Folgearbeiten mit sich selbst nicht recht im reinen gewesen. Denn am Erfolg der Suite, an der Ansprechbarkeit namentlich der als Zielgruppe auf dem Titel genannten Jugend, hat es ausweislich der die Nachauflagen dokumentierenden verschiedenen Druckzustände des Titels nicht gelegen. Auf jeden Fall ist die große Seltenheit der abschließenden Blätter 17-20 somit vorprogrammiert worden. Angemerkt sei in diesem Zusammenhang allerdings, daß Ridinger auch für die postum schlußendlich 101blätterige Folge der Wundersamsten Hirsche bereits 1752 den Titel konzipiert hatte und in den Folgejahren eine Projektmüdigkeit erkennen ließ, die erst um 1763 durch gleichfalls Martin Elias’ maßgeblichen Einsatz überwunden wurde. – Zurück
[5] Staatliche Museen Berlin, Gemäldegalerie, lfde. Kat.-Nr. 2272. Siehe Reinhart Michaelis, Die Deutschen Gemälde des 18. Jahrhunderts – Kritischer Bestandskatalog, Bln. 2002, SS. 173 f. nebst Farbabb. – Zurück
[6] Siehe hierzu auch de Castro Rocha, Montaignes Kannibalen, als einer in „die Wilden Brasiliens“ verpackten, namentlich auf die Bartholomäusnacht in Frankreich abzielenden Auseinandersetzung mit den europäischen Religionskriegen, wie zuvor schon der Protestant Jean de Léry gelegentlich seiner Brasilien-Berichte (FAZ 6. 9. 2000). – Zurück
[7] Eduard Beaucamp. Der Krieg der Maler fand nicht statt, Koexistenz im Barock …, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juni 1998. – Zurück
[8] Stefan Morét. Die Tierdarstellungen von Johann Elias Ridinger. Darmstadt, Stiftung Hessischer Jägerhof, 1999. – Zurück

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