Empfehlen

Schriftenreihe

Es gilt, anzuerkennen,
daß durch die Vertreibung aus dem Paradiese
sich die heile Welt in eine voll aller gegen alle gewandelt hat.

Ganz gleich,
ob wir das Reich der Tiere oder der Menschen betrachten,
die gemeinsam das ausfüllen, was wir Natur nennen.

Und  so  gibt  es  denn  auch  nur  eine  Jagd .
Die  wir  lieben  mögen  oder  auch  nicht .

Und die ist unteilbar.
Ebenso unteilbar wie die Kunst, die sie unterscheidungslos darstellt.

Mehr hierzu, aus gelegentlich gegebenem Anlaß,
im Anschluß an die nun folgende bildliche

GEGENÜBERSTELLUNG

zweier  Bilder  zu  einer  Handlung :

Franz Heckendorf, Löwin schlägt ein Wildschwein in der OaseJoseph Georg Wintter, Die Schweinshatz

 

FRANS  SNYDERS’

(1579 Antwerpen 1657)

Reinkarnation  in  der  Glut  des  Expressionismus

Franz Heckendorf (Berlin 1888 – München 1962). Löwenüberfall auf ein Wildschwein in der Oase. Die bildmächtige Szenerie der dem Hauptschwein im Nacken sitzenden Löwin als dem Motiv des seinerseits Rubens zitierenden Öls Frans Snyders’ „Löwin schlägt ein Wildschwein“ (Robels 258) in der Münchner Alten Pinakothek, lokalmäßig und stilistisch eigenstänmdig neu gebettet. Öl auf Hartfaserplatte. 55 x 69,8 cm.

Franz Heckendorf, Löwin schlägt ein Wildschein in der Oase

 

In  der  Hochzeit  des  18.  Jahrhunderts

Joseph Georg Wintter (1751 München 1789). Die Schweinshatz. Lavierte Bister-Federzeichnung.

Joseph Georg Wintter, Die Schweinshatz

 

Wände  –  unsere  geheimen  Kommunizierer

war seinerzeit der Leitgedanke des ersten Heftes der neuen Schriftenreihe „wände der Ridinger handlung niemeyer“.

Kontempliert und an Hand hochkarätiger Jagdzeichnungen Ridinger’s und Wintter’s betrachtet unter dem Aspekt der Kunst als dem Schönen schlechthin.

Das konnte eine Provokation sein. Und es war eine Provokation.

Vorübergehend zunächst für den Verfasser selbst, als er den Katalog konzipierte. Daß er zu einem anderen Ergebnis kam, zeigte die Herausgabe der Schrift.

Doch dann kam Post :

„ … bin (ich) über die Aussagen und Aufzeichnungen betreffs Kunstsammeln begeistert und finde sie vortrefflich. Doch die Abbildungen Ridingers mit den durchweg grausamen Szenen der gemarterten Kreatur wirken für mich als sensiblen Kunstsammler (.. J. alt und seit früher Jugend der Kunst ergeben mit großer Sammlung) befremdend, ja abstoßend. Es ist mir nicht möglich, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Schönheit der Kunst und dann Beispiele grausamer Zerfetzung blutüberströmten, ahnungslosen Getiers folgen zu lassen. Ich finde es als eine schreckliche Zumutung für ein empfindliches Sammlerauge. Nichts für ungut! “

Ein Vorwurf nicht allein seitens einer jahrzehntealten Bekanntschaft, sondern von grundsätzlicher Natur und somit Anlaß einer sehr anregenden Erörterung der Frage

Ist  Jagdkunst  eine  Provokation  des  Schönen ?

Bei der einleitend richtigzustellen war, daß die Bilder mit Abstand nicht zeigten, was in ihnen gesehen wurde. Und hinzu kam als Denkfehler, nicht zu Ende gedacht zu haben. Denn, so die hiesige Replik,

„ wenn Kunst Schönheit bedeutet, worüber wir uns ja einig sind, was ist dann das, was nicht ‚schön‘ ist? Die alte Frage also, die in Beleidigungsprozessen so gern die Gerichte nervt. Was ist Kunst. Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Und ich füge hinzu:

ist  Kunst  nun  die  Thematik  oder  die  Ausführung ?

Und wiederhole zugleich, (kein) Jäger zu sein … Und dennoch vor obigen Zeichnungen von jener inneren Beglückung erfüllt zu sein, die als Ausfluß absoluter Kunst Gegenstand der Ihnen zusagenden textlichen Betrachtung der Broschüre ist.

Da es aber schon eines fortgeschrittenen Kunstverständnisses bedarf, um zu erkennen, daß Kunst unteilbar ist, löste ich die Frage nach der Vereinbarkeit von Schönheit und Thematik der Kunst auf ebenso simple, wie logische Weise.

Indem  ich  mich  fragte ,
was  unter  dem  Vorbehalt  der  Thematik
dann  alles  nicht  mehr  als  ‚schön‘
und  damit  als  ‚Kunst‘
an  die  Wände  gehörte .

Und erinnerte mich als Intimus der alten Niederländer dann zunächst und zugleich an so manchen herrlichen Savery, Snyders, Fyt etc. etc., die unbeschadet ihres Themas von dominierender Museumswand herab zu Andacht und Glück verführten, auch wenn die Leidenschaft meiner Liebe den Landschaftern gilt.

Und wohin gehörten Hieronymus Bosch, Rubens, Rembrandt’s Blendung des Simson, die Goyas, so mancher Hogarth und Daumier, die Werke der Kollwitz, die Leidensbilder Rouault’s, Dix und Grosz, Picasso’s blinder Minotaurus, Guernica, so mancher – für meine Begriffe – schreckliche Weiberakt der Großmeister des Expressionismus, denen ich vor anderen Werken meine tiefe Reverenz bezeuge? Seiten mit Namen wären zu füllen, wollten wir alle nennen, mit denen die einen den weißen Wänden Paroli bieten und sich ihren Traum von Kunst erfüllen, wo andere sich abwenden und von ‚schrecklicher Zumutung für ein empfindliches Sammlerauge‘ sprechen.

Und könnte es nicht auch sein, daß manchen die reinsten Altmeister-Landschaften langweilen, weil ihm, ganz subjektiv, einfach der Zugang zu den Spannungsverhältnissen zwischen Himmel und Erde verwehrt ist? Und noch längst nicht jeder vermag die in den Stilleben gern verborgenen Vanitas-Symbole zu verkraften. Erst kürzlich gestand mir ein Sammler mit weitem Herzen, daß er die Welt eines Caspar David Friedrich nicht ertrüge.

Das alles ist dem subjektiven Empfinden gestattet, darf aber nicht das künstlerisch neutrale Auge trüben.

Vor gut hundert Jahren qualifizierte Wilhelm Schmidt in der ADB einen anderen Augsburger Barockmeister, den zu Ridinger in einem gewissen Lehrerverhältnis stehenden Georg Philipp Rugendas I, als ‚war ohne Zweifel ein Talent ersten Ranges, um nicht zu sagen, ein Genie‘ und ‚zweifellos würde er, unter bessere Verhältnisse verrsetzt, etwa in den Niederlanden um 1650 lebend, ein Künstler geworden sein, der seine sämmtlichen Pferde- und Schlachtenconcurrenten überflügelt hätte‘. Und welche Thematik erwartet uns bei ihm? Schmidt weiter: ‚… er beobachtete (u. a.) die schrecklichen Wirkungen der Kugeln und Bomben, die Angriffe des Fussvolks und der Reiterei … und zeichnete mit Kaltblütigkeit von Gefahren des Blutbades selbst umgeben‘. Das Hauen und Stechen solcher Reiterschlachten als der ganz wesentlichen Welt des Pferdes von einst wird Ihre Aufmerksamkeit nur zunächst beanspruchen. Dann aber wird sich Ihnen die Einzigartigkeit des Pferdes atemberaubend erschließen. Wie nirgendwo stärker als in diesen Grenzsituationen. Und dennoch nichts für die Wände?

Die von Ihnen verwandten (Brief-)Aufkleber weisen Sie als einen engagierten Freund der Tiere und des Tierschutzgedankens aus. Auch hier finden Sie mich an Ihrer Seite. Was uns jedoch unterscheidet – und dies sehe ich als den eigentlichen Auslöser unseres so interessanten Disputes – ist jene Augenklappe, mit der Sie den Blick davor verschließen, was durch den Sündenfall – kennen Sie Ridinger’s wundervolle Paradiesfolge mit ihren zwölf Stationen bis hin zur Klage der Tiere und ihrer Mitvertreibung in eine Welt voll aller gegen alle? – über Menschheit und Tierwelt gekommen ist.

Und seitdem gibt es eben nicht mehr das von Ihnen beschworene ‚ahnungslose Getier‘, dem die Hunde zusetzen. Die Wirklichkeit ist dessen ständiges Wittern und auf der Hut sein als Lebens-Einmaleins fürs Überleben. Noch in den Parkanlagen unserer Städte zeigt Ihnen manch ungebrochener Hund, was bei seinen Verwandten draußen Sache ist, um nicht überrascht zu werden. Gegenteilig zeigt Ihnen im Hause gegebenenfalls Ihr Schnurre-Kätzchen an Hand der Maus, welch Quälerei es fähig ist, bis sie dem Mäuschen nach hübschem Spiel endlich das erlösende Aus bereitet.

Auch Ridinger hat einen solchen Blick hinter die Kulissen getan. Anbei der vollillustrierte Katalog seiner 8blätterigen Suite der ‚Kämpfe reissender Thiere‘ untereinander. Der große Brockes als  der  Barockdichter des Nordens schrieb die Verse dazu. Und auch zu jener Fabel-Szenerie, in der Ridinger einen Hasen den Hunden entkommen läßt, um ihn dann einem Falken zum Opfer fallen zu lassen.

Und sicher ist Ihnen zusammen mit der ersten Wände-Broschüre auch die zweite dieser Reihe über jene 12blätterige Bildfolge zum ‚Aufsezen oder Wachsthum des Hirschgeweihes‘ in die Hände gefallen. Als ein Werk eben jenes Joseph Georg Wintter, dessen Hatzen Sie (mit) zur Feder greifen ließen. Sie werden diese naturtiefen Bilder nicht weniger zauberhaft finden als ich, der Nichtjäger. Dem ein Sammler-Jäger dann aber selbst hier den klaren Wein nicht vorenthielt. Darauf aufmerksam machend, wie dichtes Fliegengeschmeiß bei diesem Prozesse mit von der Partie sei. Wenig schön für die Tiere, unästhetisch selbst noch dem Waidmann.

Und damit lassen Sie mich schließen.

Und mit der Bitte, der Kunst nicht die Schönheit abzuschneiden, weil’s subjektiv nicht Ihr Thema ist.

Und auch dann ein auch ästhetisch vollkommenes Bild nicht in eine Horrorszenerie zu verwandeln, wenn es die Jagd betrifft. Jäger sind in erster Linie Tier- und Naturfreunde und als Heger Ihre ureigensten Verbündeten zum Schutze unserer Tier- und Umwelt. Uns allen zum Nutzen.

Und was unsere ‚Mutter Natur‘ angeht, sollten Sie gelegentlich einmal Hermann Löns’ feine Erzählung ‚Besuch bei der Gnädigen‘ lesen. “

 

Die Antwort hierauf wurde dem Ernst des Themas souverän gerecht :

„ in Kurzfassung bin ich Ihnen schuldig zu sagen, daß ich die geniale Kunst der von Ihnen publizierten Blätter aufs höchste bewerte, nicht hingegen als ‚Darstellung grausam zerfetzten Wildes‘. Dies ist halt meine Auffassung und Einstellung und reduziert keineswegs die künstlerische Genialität. Ich könnte diese Blätter einfach nicht um mich haben wollen; das soll aber nur für mich gelten.

Zwar habe auch ich einen Jagdschein gemacht … merkte aber erst danach, daß ich gar kein ‚Jäger‘ sein konnte, weil ich den Tötungsakt nicht zu vollziehen vermochte …

Die Liebe zu Tierdarstellungen des deutschen Waldes hatte sich jedoch schon von frühauf im Erwerb von Tiergemälden … niedergeschlagen … Sie liegen zwar auf einer ganz anders gearteten künstlerischen Ebene. Aber … “

Und als handschriftlicher Nachsatz :

„ Die(se Tiergemälde) muten natürlich statisch,
im Vergleich zur Dynamik eines Ridinger an. “

Was denn in der Tat den Kern der Sache trifft.

Eben das von einer anderen Qualität bestimmte Fehlen der vom Stuhl reißenden Dynamik, „die außergewöhnliche Situation … die ein Kampf auf Leben und Tod bringt“, jene Ausdrucksskala, die „nirgends breiter gefächert ist, als … im Spannungsfeld zwischen Todesangst und Überlebensfreude“ , wie Rolf Biedermann im Vorwort zur großen Krieg-Ausstellung der Kunstsammlungen Augsburg 1984 zum Gedenken des 40. Jahrestages der Zerstörung der Stadt schrieb.

 

Und so beantworten denn die beiden Eingangsbilder aus sich heraus einen anderen Vorwurf gegenüber einem in der Natur selbst und damit auch im Menschen verwurzelten Trieb. Den Vorwurf des Jagens durch den Menschen.

Erst die Szenerien denn wieder, sei es die Natur als Jägerin beim expressionistischen Prankenschlag eines Heckendorf, sei es die gescholtene Jagd durch den Menschen Generationen früher beim hier durch und durch genialen Wintter, schließen den Kreis und empfehlen die Offenlegung besagten seinerzeitigen Wände-Austausches innerhalb dieses Rahmens als unverändert aktuell noch heute.

Siehe hierzu auch Ortega y Gasset’s „Meditationen über die Jagd“ (mit 16 blattgroßen Ridinger-Illustrationen erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart).

„ Denn in der universalen Tatsache der Jagd äußert sich … ein faszinierendes Geheimnis der Natur :

die  unerbittliche  Rangordnung

unter  den  Lebewesen .

Jedes Tier befindet sich im Hinblick auf ein anderes in einer Beziehung der Überlegenheit oder Unterlegenheit. Die vollkommene Gleichheit ist überaus unwahrscheinlich und anormal.

Das  Leben  ist  ein  schrecklicher  Wettkampf ,

ein  grandioser  und  grausamer  Wettbewerb .

Die sportliche Jagd taucht den Menschen bewußt in dieses gewaltige Geheimnis ein, und deshalb hat sie etwas von der religiösen Erregung und dem Ritus, in dem man das, was die Naturgesetze an Göttlichem, an Transzendentem enthalten, verehrt . “

Ortega y Gasset, Meditationen über die Jagd
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1981

 

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