Thienemann Online

1856  –  2006

Ridinger’s  großer  Sachwalter

Dem  unverwüstlichen  Thienemann

zum  150ten  Werkjubiläum

und  zum  225.  Geburtstag  dazu

„ Wenn es überhaupt heilige Pflicht ist, die Verdienste ausgezeichneter Männer … aus der Verborgenheit ans Licht zu ziehen, so drang sich mir dieselbe insbesondere gegen  Joh. El. Ridinger auszuüben auf … Innige Liebe zur Natur, namentlich zur Thierwelt, so wie angeborne Neigung zu bildlicher Darstellung meiner Lieblinge, verschafften mir schon als Knaben die Bekanntschaft, ja die Vertrautheit mit Ridinger’schen Kunstblättern; ich beschäftigte mich fast täglich mit den ausgezeichnetsten Werken dieses grossen Thiermalers, lernte sie kennen und schätzen, und versuchte mich an ihnen zu üben und an ihnen zu bilden. Als ich nach Leipzig kam … war die erste Ausgabe, die ich, als armer Student, mir erlaubte … mehrere Kupferstiche von Ridinger zu kaufen … Je vertrauter ich mit unserem Meister wurde, desto lebhafter wurde der Vorsatz, etwas über ihn zu schreiben … Ich schließe mit dem Wunsche, dass den vielen Natur-, Kunst- und Jagdfreunden mein Werk nicht missfallen, sondern seine Absicht erreichen,

Ridinger’s  Ruhm  erhöhen ,

erhalten, verbreiten und dem Hrn. Verleger seine grossen Opfer erleichtern möge. Derselbe besitzt einen reichen Vorrath von alten Abdrücken unseres Meisters … “

So Georg August Wilhelm Thienemann im Vorwort zu seinem für aber und aber Generationen von Sammlern, Händlern, Schreibern und Kunstbeflissenen jeglicher Couleur so sprichwörtlich gewordenen „Leben und Wirken des

unvergleichlichen  Thiermalers  und  Kupferstechers

Johann  Elias  Ridinger

mit dem ausführlichen Verzeichnis seiner Kupferstiche, Schwarzkunstblätter und … Handzeichnungen“, womit er sich selbst und Verleger Weigel ihm den 1856er Fünfundsiebzigsten vergoldete. Und mit eben letzterer Metallqualität blieb es bis auf den heutigen Tag  das  unverzichtbare Werkkorsett welches. Bis 1862 durch eigene Nachträge ergänzt, dann 1876 seitens Graf Stillfried’s „als Ehrenzoll meinerseits dem unvergleichlichen Ridinger und

in  dankbarer  Erinnerung  an  den  verstorbenen  Thienemann “

an Hand seiner, was damals noch möglich war!, binnen acht Jahren zusammengetragenen 1395 Ridingeriana, darunter

„ eine  Menge  besonders  in  Schwarzkunst …

welche Thienemann unbekannt waren“, weil nicht einmal in dem für letzteren so fündigen „reichen Kupferstichcabinett in Dresden“ aufzuspüren gewesen waren. 1910 dann legte Ignaz Schwarz seinen in nur 202 numerierten Exemplaren gedruckten, reich illustrierten und wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Bestandskatalog der legendären von Gutmann’schen Ridinger-Sammlung als  die  nicht minder unverzichtbare Ergänzung vor, deren 2. Band ausschließlich den Thienemann unbekannt gebliebenen Kupfern + Schabblättern gewidmet ist (verfügbar hier Nr. I der beiden römischen Exemplare in Pergament als das einst persönliche Baron von Gutmann’s). Beider Inhalte bedürfen nach 150 bzw. 100 Jahren sehr weitreichender, hier längst im Gange befindlicher Aktualisierung, für die sich gleichwohl allein schon aus der Tagesarbeit heraus, geschweige denn nach gebotener systematischer Sichtung der einschlägigen Bestände, nicht allein eine namentlich bei den kostbaren, technisch bedingt kleinstauflagigen Schabblättern eine unerwartete Vielzahl neuer Druckzustände ergeben, vielmehr auch immer weitere Ufer aufscheinen lassen. Damit aber

in  Ridinger  einen  Künstler  sui  generis  generieren ,

dessen weitläufige Verästelungen in der Kunst seiner Zeit wie in der der Alten Meister und per Ein- und Nachwirkung seinerseits auf die eigene Künstlergeneration und all die bis auf den heutigen Tag nachfolgenden in einem neuzeitlichen Werkverzeichnis nachzuzeichnen sind. Widerspiegelnd jene ungebrochene Freude am Œuvre, die Thienemann zeitlebens durchseelte, und an dessen Nachschöpfungen in jeweils neuester Technik durch die Zeiten, wie etwa die frühen photographischen Werkkomplexe,.

In Etlichem aber wird selbst dann der bewährte Thienemann Bestand haben. Zur Hand bleibend für eine Beschreibung, die seine Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen als Synonymen für „den“ Ridinger schlechthin atmet. Doch wie letzterer eben weit mehr war als nur „der“ Ridinger, so mag es reizvoll sein, von seinem ersten und entscheidenden Werkbearbeiter mehr zu wissen als nur dieses, und daß er ein Mann der Kirche war. Denn unverwüstlich wie sein opus, so blühend bis auf den heutigen Tag ist die fast ein halbes Jahrtausend nachzubelegende weite Familie der Thienemänner. Und vielseitig wie unser aller

Georg  August  Wilhelm  Thienemann

Gleina 6. 9. 1781 – Kötschenbroda 19. 12. 1863

beides im Sächsischen bei Dresden

selbst, den wir uns ganz handfest mit den Ornithologen zu teilen haben.

So stand er in engster Verbindung mit Männern wie Naumann, dem berühmten Christian Ludwig Brehm („Er gehörte mit Naumann, Thienemann [recte den Thienemännern] und Gloger zu den Schöpfern der deutschen Ornithologie“, Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., III [1888], 379; Vater des Tierleben-Brehms), E. Baldamus, E. F. von Homeyer, Baron von Loebenstein, H. D. F. Zander, H. G. L. Reichenbach.

Zusammen mit Brehm und dem als Herausgeber zeichnenden jüngeren Bruder Friedrich August Ludwig schrieb er die „Systematische Darstellung der Fortpflanzungsgeschichte der Vögel Europas mit Abbildung der Eier“ („mit seinem Bruder G. A. W. Thienemann und Chr. L. Brehm, Leipz. 1825 bis 1838, 5 Abtlgn.“, Meyer, wie vor, XV [1889], 651 f.). „Mit 28 Kupfertafeln stellte (Ludwig) sich darin als vortrefflicher Eiermaler vor. Die Hauptarbeit aber wurde (Ludwigs) zweites, großangelegtes, doch unfertig gebliebenes Eierwerk ‚Fortpflanzungsgeschichte der gesammten Vögel nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft‘ mit 100 kolorierten Tafeln (1845-1856)“ (H.-J. Thienemann, s. u.).

„ Seine Bücherei enthielt eine Reihe der besten Bilder bekannter Vogelmaler jener Zeit wie A. L. Wirsing, J. C. Susemihl, B. R. Dietzsch. Dass seine künstlerische Begabung nicht gering war, beweisen Eierzeichnungen, die er für Ch. L. Brehms ‚Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands’ (Ilmenau 1831) herstellte. Er war ferner Mitarbeiter am ‚Archiv für Naturgeschichte‘ und beschrieb das ‚Leben und Wirken … Ridinger‘ “

(Hans-Joachim Thienemann als UrUrUrenkel oder 13. Generation, Freier Fotojournalist in Kassel, dem all diese überaus sympathischen Feinheiten oben und nachfolgend zu danken sind).

Womit die beiden Brüder aber keineswegs aus dem Nest gefallen waren. Das zwitscherte geradezu unisono in gleichen Tönen. Und da obige Publikationen zu Raritäten ersten Ranges gediehen, mußte Ridinger-Thienemann’s  Enkel  Johannes (1863-1938) partout „am 1. Januar 1901 weltweit die erste Vogelwarte in Rossitten“ gründen, nachdem ihm „F. Lindner, ein Studienfreund, … vom Vogelzug auf der Kurischen Nehrung, die er am 18. 7. 1898 zum erstenmal besuchte (erzählt hatte)“. Da war es endgültig aus mit dem Bemühen um das Erhaschen einer raren Pfarrstelle. Er reiste kontinuierlich weiter auf die Nehrung bis, siehe oben. Und 1908 wurde er in Königsberg zum Doktor der Zoologie promoviert. “Sein Interesse galt (der) Klärung der Zugerscheinungen. Er übernahm 1903 die von dem dänischen Lehrer H. Ch. C. Mortensen … 1890 begründete wissenschaftliche Vogelberingung und baute sie aus“. Welche Passion Hermann Löns entschieden gegen den Strich ging und zu seiner Erzählung „Krähengespräch“ inspirierte mit Königsberg + Thienemann als Mitspielern. Daß er auch leidenschaftlicher Jäger war und der Falknerei bei eigenem Kaiseradler – der später zu einem Maskottchen der Wehrmacht mutiert sein soll – zu neuen Ehren verhalf, wen wunderts. Niemand wundert sich bei dieser Familie mehr. Denn auch dem Vater,

August  Wilhelm , Ridinger-Thienemann’s leibhaftiger Sohn, einer der vierzehn aus der Ehe mit Augustine Oelssner aus Leipzig. Ihm „lag … die Freude an der Vogelwelt und am Eiersammeln im Blut. Seine gut geordnete Sammlung, in der fast alle deutschen Vögel vertreten waren, kam in das Wiener Museum … 1870 entdeckte er erneut das Brutvorkommen der Zwergtrappe bei Gangloffsömmem … gab in Gemeinschaft mit K. Th. Liebe (und weiteren) die Ornithologische Monatsschrift heraus“.

G. A. W.s jüngerer Bruder Gustav August Leopold wiederum war bekannt für seine „gewandte Feder im Briefwechsel mit vielen ornithologischen Fachgenossen“.

Als einschlägig vorbelastet erwies sich schließlich auch der Ridinger-Thienemann-Enkel  Wilhelm Ernst Bernhardt Max , Bruder obigen Rossitten-Begründers Johannes. Von Haus aus Buchhändler mit eigenem Geschäft in Hann. Münden „Wusste (er) nach seinen eigenen Worten über die Vögel oft besser Bescheid als über seine Bücher … zog … sich (63jährig) vom Buchhandel zurück und lebte nur noch seinen Interessen. Mit Leidenschaft ging er (gleich Bruder Johannes, dem er über Jahre hinweg sommers über in Rossitten assistierte) bis zum Alter der Falknerei nach und trug selbst seine Wanderfalken ab. Als stadtbekannte Persönlichkeit (‚Der Alte vom Berge‘) führte er jahrzehntelang Vogelwanderungen durch und begeisterte eine stattliche Gemeinde mit seinen humorigen Ausführungen. Veröffentlichungen lagen ihm nicht. Er zeichnete mit Sorgfalt aus der Umgebung seines Wohnsitzes und stellte sie jüngeren Fachleuten stets uneigennützig zur Verfügung.“

Und einmal der ungeliebten Buchhändlerei und derlei Ware gedacht, geht’s auch auf diesem Feld um interessante Namen wie Perthes oder Baedeker, eine Tochter des letzteren heiratete einen Thienemann, während sich Gebrüder Gerhart + Carl Hauptmann für Thienemänninnen entschieden, ersterer gleichwohl mit Scheidungsfolge. Und der ob seiner Jugendbücher so geliebte Thienemann-Verlag in Stuttgart? Aber ja doch, ein Karl war’s, der ihm Namen und Ruf verlieh.

Herrliche Hundstage hat’s während dieses Memorials und die See ist auch nicht weit. Was also liegt näher als die Versuchung, Thienemann’s Manen auch zu Wasser zu begegnen, wo doch der eigene Ahne G. A. Bürger seinen Münchhausen auch zu Wasser Wunderbare Reisen hat unternehmen lassen. Und Oculi, da kommt er schon! Und zeitnah dazu:

Sven  Thienemann , der Käpt’n, Sohn des Limnologie-Begründers August Friedrich (Gotha 1882 – Plön 1960), Teilhaber der Jet Set Society früherer Tage, wenngleich nur auf Seite der Ermöglicher, eben, als Käpt’n:

„ Sven heuerte als Kapitän auf einem Fangschiff der in Deutschland gebauten und mit deutschem Personal besetzten Walfangflotte ‚Olympic‘ an. Sein Boot war gleichzeitig als Vergnügungsyacht ausgebaut und so schipperte er mit der Reederfamilie (Aristoteles Onassis, Genau, der griechische Reeder) und deren Freunden im Sommer 52 im Mittelmeer rum. Anschließend in der Reederei in HH mit dem Auf- und Ausbau der Tankerflotte und dem Bau der Luxusyacht ‚Christine‘ beschäftigt. Reiste mit dem Schiff in das Mittelmeer und übernahm weitere Tätigkeiten in der Reederei!!!! “

Gewährsmann Hans-Joachim ist übrigens im Besitz eines Reisepasses von August Wilhelm Thienemann – jüngster Sohn des Ridinger-Großkopfeten, bleibt ein säuglingsverstorbener, Julius, aus dem Spiel – , „der im März-April 1856 eine Reise von Sprotta über Dresden, Prag, Wien, Venedig, Rom und … unternahm … Auch sind im Besitz der Familie Holzschälchen, die eine Silhouette von Thienemännern tragen. Ich weiß aber nicht, ob G.A.W. Th. dabei ist“.

Doch wie hielten’s die Thienemänner, schlußendlich, mit der Religion? War da nicht was? Klar war da was! Georg August Wilhelm widmete sein „Leben und Wirken …“ ja ausdrücklich Heinrich LXVII. von Reuss-Schleiz etc. als „(s)einem Kirchenpatron“. Gewiß, gewiß. Wäre da nur nicht gleichzeitig wieder eine gemeinsame Liebe. Durchlaucht war schließlich ein „innige(r) Verehrer – Ridinger’s … (und) der edlen Kunst und Jagdwissenschaft“ dazu!

Aber Pfarrer war G. A. W. trotz alledem. So nach Studium in Jena zunächst als Diacon in Nebra, dann um 1814 Pfarrer in Droyßig bei Zeitz und zuletzt in Sprotta bei Eilenburg. Fünf Thienemann-Generationen in Folge waren im Hauptberuf Verkünder des protestantischen Glaubens. Weswegen sicherlich die Ridinger’schen Heiligen-Schabblätter bei G. A. W. nicht so recht reüssieren wollten. Hauptberuflich also Pfarrer, wie auch der große Brehm. Doch welch Lebenswerke entstanden dabei en passant „nebenher“! Ist von erfüllten Leben die Rede – hier haben wir sie! Durchzogen nicht zuletzt von lebenslanger Freude am Sammeln.

Sammler , so  Goethe , sind  glückliche  Menschen .

Unersättliche seien im übrigen verwiesen auf – nein, nein, nicht unbedingt immer auf die ridinger handlung – in diesem Falle tut’s auch Otto Thienemann’s „400 Jahre Stammregister und Geschlechtertafel der Familie Thienemann vormals Dienemann und Duhnemann“ von 1933. Deren erstbekannter, Nickol Duhnemann, „lebte in der ersten Hälfte des 16. Jhd. im Dorf Holzkirch an dem Flüsschen Queis in der Nähe des Isergebirges als einfacher Bauersmann, hatte mit seinem Weibe Magdalena zwei Söhne“. Sohn Matz, gen. Matthes Dienemann, „wurde um 1562 in Holzkirchen bei Lauban geboren, erlernte das Schusterhandwerk“. Johannes Dienemann (1642-1722) „ging als Tischlergeselle auf die Wanderschaft … Später Lehrer … danach Ökonomieverwalter“ und mutierte zu Johannes Thienemann. Und von nun an thienemannte es nur noch, wenn auch gelegentlich ohne h.

Alles nach den von Mai bis Juli 2001 „auf die liberalste Weise“ (so G. A. W. im Ridinger-Vorwort hinsichtlich Weigel’s) überlassenen Unterlagen Hans-Joachim Thienemann’s, des Fotojournalisten, und damit eines weiteren, einschlägig vorbelasteten Visuellen in der langen Reihe der Fußspuren sehender und publizierender Thienemänner. Ein Hallo nach Kassel!

Und  ein  Hi  den  Freunden  Ridinger’s

gelegentlich  dreifacher  Runder  seines  ersten  Bibliographen !