Thienemann Online

Erklärung

der dem Buche beigegebenen XII Kupferstiche in Zeichnungsmanier


Da der kunstsinnige Herr Verleger die bedeutende Ausgabe nicht gescheut und meinem Werke zwölf Kupferstiche beigefügt hat, so erlaube ich mir, dieselben ausführlich zu erklären, um sie recht genießbar zu machen. Sie sind sämtlich mehr oder weniger verkleinerte Kopien von einigen dazu sorgfältig ausgewählten Zeichnungen unsres Meisters und bezeugen die abwechselnde Mannigfaltigkeit, in der er seine Zeichnungen ausgeführt hat. Nur drei derselben sind vom Meister gestochen und in meinem Katalog beschrieben worden, die übrigen stellen meistens sehr wertvolle, aber nicht benutzte Blätter dar. Ob nun gleich die Stiche, namentlich in so bedeutender Verkleinerung, den Originalzeichnungen der Natur nach weit nachstehen müssen, so ist doch zu erwähnen, daß der brave und vielversprechende junge Künstler uns das Original möglichst getreu nach Umriß und Ausführung wiedergegeben und dadurch um so mehr unsern Dank verdient hat, da bekanntlich Blätter in Zeichnungsmanier auszuführen eine schwierige Aufgabe ist. Ich beschreibe sie nach der Folge, und benenne die Seite, wohin sie gehören und gebunden werden müssen.

(1) Tigerhetze. Gehört zu Seite 42 oder zu der Folge der von Hunden behetzten jagdbaren Tiere. Es ist eine grausig wilde Gruppe. Ein von sehr starken Hunden gepackter Tiger hat mehrere derselben in seinem Ingrimm erwürgt. Der Grund, weswegen Ridinger diese Zeichnung nicht gestochen und obiger Sammlung beigefügt hat, ist wohl darin zu suchen, daß der Tiger doch nicht zu unsern jagdbaren Tieren gehört. Die Zeichnung ist 9″ 2‴ br., 6″ 2‴ hoch.

(2) Landschaft mit Hirschen. Ist zu S. 67 zu binden, weil es füglich mit Nr. 270 zu vergleichen sein möchte. Die Absicht der Auswahl bei diesem, schon durch seine Zartheit, das gleichsam Hingehauchte, sich empfehlenden Blatte war besonders die, an Ridinger’s Leistungen als Landschaftsmaler zu erinnern, wo er sich in der Tat durch Abwechslung und Ausführung meisterhaft bewährt. Wir sehen hier eine lachende Wald- und Wasserpartie mit einer zahlreichen Gesellschaft der Lieblinge des Meisters, nämlich der Hirsche. Die Gruppe links erscheint in Potter’s Manier ausgeführt, indem das schöne Ganze im Geschmack der alten Niederländer sich uns darstellt. Das Original ist 9″ br., 9″ 10‴ hoch, mit Bleifeder angelegt, die Umrisse durch schwache Tusche gesichert und mit rötlicher, auch gelbbrauner Farbe in den Schattenstellen leicht überlaufen.

(3) Zwei Windhunde. Gehört zu S. 92 und stellt Nr. 397 dar. Das Original ist getuscht. Der Charakter der Windhunde ist namentlich in dem Kopfe des liegenden, besonders in dem seitwärts blicken den, sprechenden Auge, sehr gut ausgedruckt. Br. 5″ 2‴, H. 6″ 9‴.

(4) Liegender Hirsch. Zu S. 97, sollte also bei dem Entwurfe einiger Tiere Nr. 49 werden. Ridinger wählte aber mit Recht an seiner Stelle die noch fehlende Hirschkuh. Die Ausführung ist in Tusche, die Größe ganz wie beim vorigen Blatte.

(5) Vögel. Zu S. 143, Nr. 737. Auf dem Titelblatt jenes Zeichenbuches lesen wir, daß Ridinger die Absicht gehabt hat, auch Vögelstudien zu liefern. Die vorliegende Kopie soll dies bestätigen. Wir finden darauf vier Vögelköpfe in recht braver Darstellung: 1. das Weibchen vom Turmfalken (Wanneweher, falco tinnunculus, Linn.); 2. die kleinste Ohreule (Schoffittel, Strix scops, Linn.); 3. den großen Schuhu (Strix bubo, Linn.), und endlich 4. den Mäuse-Bussard (Mauser, falco buteo, Linn.). Das Original in schwarzer Kreide; Br. 6″ 5‴, H. 10″ 5‴. Es ist zu bedauern, daß Ridinger nicht durch den Grabstichel diese schöne Tafel weiter verbreitet hat.

(6) Fabel mit Eulen. Zu S. 164 oder zu den Fabeln. Dies ist nun das merkwürdige Blatt, dessen ich S. 151 Erwähnung getan und etwas Weiteres darüber zu berichten versprochen habe. Es liefert nämlich den deutlichsten Beweis, daß Ridinger sich ernstlich vorgenommen hatte, seine Fabeln fortzusetzen und wenigstens bis auf dreissig zu bringen. Die sehr ansprechende Originalzeichnung ist auf bläulichem Papier mit etwas Tusche, schwarzer Kreide und weiß gehöht. Die Kopie ist am wenigsten gelungen. Br. 9″ 1‴ H. 11″. Der Ideengang des Künstlers mag etwa folgender gewesen sein: Eine ansehnliche Gesellschaft lichtscheuer Eulen, mit und ohne Federohren, wagt es, die finstere Höhle eines Dachses zum Zufluchtsort gegen die verhaßten Sonnenstrahlen zu wählen. Dadurch reizen sie den sonst ruhigen und keineswegs blutdürstigen Troglodyten zur Notwehr gegen diese ungebetenen, lästigen Gäste. Er vertreibt sie mit Gewalt aus seiner Einsiedelei, indem er ein arges Blutbad unter den zunächst betroffenen anrichtet und so die Überschrift bestätigt: „Notwehr denen, die sie Verursachen, selbst Schädlich.“

(7) Vogelkonzert, in Umriß. Ebenfalls S. 164, also gleich hinter das vorhergehende, nebst den nachfolgenden einzubinden. Denn sie lassen sich nirgends schicklicher, als bei den Fabeln einreihen, ob sie gleich eigentlich nicht gerade zu ihnen zu zählen sein möchten, weder nach Größe noch nach Inhalt. Über letztere gibt Ridinger selbst auf der Rückseite des Originalblattes folgenden Aufschluß:

„ Die W. K. (wilde Katze, Th.) und ein junger Luchs, dessen Raubbegierde sonderlich an dem Federvieh unersättlich war, starb zu einer Zeit, da die Meisten Vögel versammelt waren, welche keine musikalische Stimme hatten, er bat sie sämtlich das sie ihm nach seinem Tode eine Trauer Musik halten wollten, hingegen wollte er seinem Geschlecht befehlen, das sie ihnen keinen weiteren Schaden zufügen sollten, alle Vögel in der Versammlung deuchte dieses sehr gut und versprachen es dem Luchs nach seinem Tode bestens zu halten, sie erfüllten es nach bestem Vermögen, als der Luchs krepierte, alleine sie vermochten bei allem soviel nicht das eine Einigkeit in der Stimme zu hören war. “

Ist nicht diese Erklärung, wie die ganze Ausführung höchst naiv? Das punctum saliens ist also, daß bloß Vögel mit schlechter Stimme dem Luchs oder der wilden Katze eine wahre Katzenmusik mit den ärgsten Dissonanzen bringen. Die Zeichnung ist mit der Bleifeder entworfen, mit Rötel übergangen, mit Tinte die Umrisse gezogen und bei mancherlei Verbesserungen an einigen Stellen undeutlich. Br. 12″ 5‴, H. 11″ 9‴.

(8) Vogelkonzert ausgeführt. Zu S. 164. Dieses im Original wunderschöne, auch in der verkleinerten Kopie wohlgeratene Blatt ist zwar dem vorhergehenden nahe verwandt, aber doch in Einzelnheiten von ihm abweichend. Es handelt sich hier um einen krepierten Fuchs und Adler, denen ein ohrenzerreißendes Konzert gebracht wird. Wir finden auch manche andere ganz unmelodische Vögel, als: den braunen und Königs-Geier, den Mäuse-Bussard, Truthahn, Pfauenreiher, Waldschnepfe, Schwan. Die Anlage ist mit Bleifeder und Sepia, die weitere, köstliche Ausführung mit Tusche gemacht. Br. 16″ 10‴, H. 9″ 6‴.

(9) Stehendes Reh. Zu S. 211, Nr. 1022, also, wie das folgende, zu dem kolorierten Tierreich gehörig. Diese Kopie einer zwar leicht, doch kräftig in brauner Tusche ausgeführten Zeichnung soll uns lehren, daß Ridinger Rehe auch ohne Schwanz zu liefern wußte. Br. 7″ 7‴, H. 12″.

(10) Nashorn. Zu S. 212, Nr. 1028. Wie ich bereits oben S. 213 bemerkte, ist diese Darstellung zur Ehrenrettung unsres Meisters bestimmt, der sich auch hier als treuen Wahrheitsfreund bewiesen hat. Auf dieser Zeichnung und noch zwei ähnlichen hat dieses Tier nur ein Horn. Das Original, wo sich, wie hier, als Zugabe noch der aufgesperrte Rachen des Kolosses und ein Fuß befindet ist in schwarzer Kreide gefertigt. Br. 16″ 2‴, H. 10″.

(11) Wilde Schweine von Bären überfallen. Zu S. 243, Nr. 1144. Man könnte dieser unübertrefflich schön mit Rotstift ausgeführten Zeichnung die Unterschrift geben: „Die von Bären überfallenen Wildschweine.“ Der eigentümlich ausgeschweifte obere Rand könnte zu der Vermutung veranlassen, daß es zur Verzierung einer Tür in einem fürstlichen Jagdschlosse bestimmt gewesen sei. Br. 18″ 8‴, H. 16″. Die Verkleinerung wird gewiß bei manchem Kunstfreund den Wunsch rege machen, einen Kupferstich in der Größe des Originals zu erhalten.

(12) Der von Luchsen angefallene Hirsch. Zu S. 243, vor Nr. 1145. Dem Inhalt und der Ausführung zufolge ein Seitenstück zu obigem Blatte. Hier ist der von Luchsen angefallene Hirsch noch flüchtig, dort stürzt er nieder. Der Umriß in schwarzer Kreide, leicht mit Tusche gekräftigt. Br. 14″ 1‴, H. 16″.