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Gründliche  Beschreibung  der  wilden  Tiere
mit  den  kleinen  Spuren

 

Es gibt noch eine Sammlung, wo unter jeder Tafel die Fährten des betreffenden Wildes, aber in sehr verkleinertem Maßstab abgebildet sind. Sie besteht aus zwei Lieferungen, jede zu vier Blatt und jede ein Blatt Text. Dies Blatt zur ersten Lieferung gehörig ist mit lateinischen Lettern in Kupfer gestochen und wir bezeichnen es daher mit

186.

Oben steht :

Gruendliche Beschreibung und Vorstellung der wilden Thiere nach ihrer Natur, Geschlecht, Alter und Spur.

Nun folgt ein ausführlicher Text zu den vier ersten Tafeln. welcher freilich den Anforderungen unserer Zeit keineswegs entspricht und daher unberücksichtigt gelassen werden kann. Desto ausführlicher sollen die Tafeln beschrieben werden, da sie groß und schön sind, nämlich breit 1′ 4″ 5‴, hoch 1′ 8″ 4‴. Blumenbach sagt von ihnen: „Ohne Widerrede Ridingers Meisterwerk, das er in seinen „besten Jahren voll Feuer verfertigt hat. Die Bären, welche einen „Hirsch zerreißen, und die wilden Schweine im Lager sind das „Schönste, was man in der Art aufweisen kann.“ Diese Worte von 1782 sind immer noch volle Wahrheit. Gleich unter diesem in Kupfer gestochenen Texte lesen wir eine Vorrede in französischer Sprache, worin Ridinger seinen frommen Sinn, der überall darauf ausgeht, dem erhabenen Herrn der Natur die gebührende Ehre zu geben, ausspricht, dabei aber zugleich Hoffnung macht, auf gleiche Weise alle jagdbaren Tiere zu liefern, welche leider nicht erfüllt worden ist. In der neuen Ausgabe wurde ein besonderer Titel ausgegeben. Unser trefflicher Joh. Elias Ridinger hat Alles allein gefertigt.

Die Blätter sind unten rechts numeriert, aber mit gar keiner Unterschrift versehen, nur bei den Spuren findet sich eine kurze Erklärung.

187.

1.  Die erste bringt uns eine nette Hirschgruppe in verschiedenem Alter und Geschlecht.

In der Mitte nach links zu gewendet ein stattlicher Zwölfer liegend, aber jeden Augenblick zum Aufspringen bereit, daneben ein Wildkalb ebenfalls liegend, hinter ihm wahrscheinlich die Mutter, bergabsteigend, mit vollem Euter. Rechts ein Vierzehner stehend, hinter ihm ein netter Zehner, die Vorderfüße höher gestellt, um einen Zweig abäsen zu können: unter ihm ein größeres Kalb gehend, davor ein starkes Wild ruhend. Im Hintergrunde Wald, nahe und fern. Die Figuren bedeutend groß.

188.

2.  Die wilden Schweine.

Eins der ausgezeichnetsten Blätter dieser ausgezeichneten Sammlung. Sie liegen fünf Stück in behaglicher Ruhe, aber jedes anders, es ist ihnen, wie man zu sagen pflegt, schweinewohl. Hinten Wald, darin zwei besonders starke Bäume, welche mit Zweigen und Blättern den oberen Teil der Tafel erfüllen. Dann etwas Schilf, aus dem ein kleineres Schwein hervorsieht, dann Morast, in dem vier starke Schweine der Ruhe pflegen, vorn Wasser. Das eine liegt, wie in Todesschlaf versunken, ganz saumäßig, das andere lehnt seinen Kopf behaglich an das dritte, welches den Kopf voll Ausdruck des Wohlbefindens etwas erhebt, wahrend das vierte mehr sitzt, als liegt. So läßt man sich das Borstenvieh gefallen!

189.

3.  Eine Damhirschfamilie, aus fünf Gliedern bestehend.

Der alte Schaufler kratzt sich in sonderbarer Stellung mit dem linken Vorderlaufe an der Kehle, und schreit vor Wohlbehagen. Die Damgeiß liegt schreiend daneben. Dahinter ein dunkler gefärbter Hirsch in aufgeregter Stellung, nebst Gemahlin und Fräulein Tochter, beide zierlich gefleckt. Die Szene in einem großartigen Park, wo wir ansehnliche steinerne Stufen, Alleen und Statuen bemerken.

190.

4.  Die Gems.

Prächtige Felsmassen, nahe und fern, darauf acht Gemsen verteilt. Vorn ein Trupp von drei Stück, die Eltern und ein Kind. Der Papa schreit fürchterlich, den offenen Rachen nach uns gekehrt, und bildet eine greuliche Fratze. Frau Mama scheint sich erheben zu wollen, aber so ungeschickt, daß sie fast umfällt. Dahinter eine äsend. Gegenüber wieder eine einzelne bergabsteigend, von hinten zu schauen. Ganz oben auf einer Felskuppe noch drei Stück in verschiedenen Stellungen.

 

Zuerst erhalten wir wieder ein Blatt Text, aber gedruckt, oben steht: „Gründliche Beschreibung etc. Zweiter Theil.“ Unten aber lesen wir: Joh. Elias Ridinger. Augspurg A. C. 1738.

191.

5.  Eine Bärenfamilie.

Wieder ein reizendes Blatt, ich würde sagen: „Zum Anbeißen,“ wenn es nicht eben Bären wären, die es darstellt. Wir werden in eine majestätische Felsengrotte versetzt, durch deren obere Öffnung man etwas Fernsicht genießt. Die Felsen sind abwechselnd mit Gesträuch verziert, welches die toten Massen belebt. Die Familie, ans Vater, Mutter und zwei hoffnungsvollen Sprößlingen bestehend, hat eben ihre volle Arbeit mit der Verspeisung eines erlegten Hirsches. Die Bärenmutter sitzt struppig bei des Hirsches Hinterteil und flennt nebst dem Söhnlein den Herrn Gemahl fürchterlich an, welcher ganz gemütlich in aufrechter Stellung die heraufgezogene Schnauze des Raubes zu verzehren anfängt. Das andere Junge liegt quer über dem Rücken des Schlachtopfers und läßt sich seine Eingeweide trefflich munden. Schon 1733 hat es, wie unten steht, Ridinger gefertigt.

192.

6.  Eine Fuchsfamilie.

Dies Blatt ist mein Liebling. In der Mitte ein gewaltiger Eichbaum mit Efeu umrankt, welcher sich oben über die ganze Tafel ausbreitet. Darauf erblicken wir eine Rabenkrähe, welche mit ausgebreiteten Flügeln nach unten blickt und schreiend das Unwesen da unten verkündet. Unten im Sumpf und Schilf sind nämlich einige Stockenten von einer Schar hungriger Fuchse beschlichen und überfallen worden. Die Füchsin, glückliche Mutter von drei halbwüchsigen Jungen, beißt eben einem Enterich die Gurgel entzwei und ihr Sprößling naht sich, um ihr morden zu helfen, und beißt einstweilen gierig in den ausgebreiteten Fittich. Die zwei anderen Sprossen sehen bellend aus dem Versteck hervor, und werden bald auch an der Beute Teil nehmen. Links fliegt ein anderer geängstigter Entvogel, ziemlich niedrig mit sehr weit aufgesperrtem Schnabel, und ist im Begriff ermattet ins Schilf zu stürzen. Darauf lauern eben zwei andere Füchse, der eine, so hoch er kann, nach dem Raube in die Höhe springend, der andere, etwas vom Schilf verdeckt, schaut lüstern nach der ermatteten Beute. Das Ganze sehr brave Arbeit.

193.

7.  Drei alte Löwen, nebst Löwin und Jungen.

Hier wieder eine schöne Felsenpartie, mit Gestrüpp und einigen Palmbäumen, damit wir wissen, wo wir uns befinden. Vorn in der Mitte ein stattlicher Löwe, nach der Seite blickend und wütend mit dem Schwanze schlagend. Hinter und über ihm zwei andere, der eine schlafend, der andere zürnend, wie zum Sprung bereit. Links Madam auf der Seite liegend und nach Katzenart mit ihrem Jungen spielend. Ein recht nettes Bild.

194.

8.  Eine Anzahl Rehe in einem schönen Tierpark mit gewaltigen Springbrunnen, Statuen, steinernen Treppen.

Im Vordergrunde Wasser, von Felsmassen umgeben. Darauf sehen wir zuerst einen Rehbock stehend, und die Kicke vor ihm liegend. Höher hinauf vier Stück: ein geflecktes Kitz neben der Mutter liegend, dahinter der Rehbock aufgeregt und tüchtig schreiend, zuletzt eine Ricke das Gesicht von uns abwendend. Ein schöner Raum vermehrt die Reize des Ganzen. Schade, daß wir bereits am Ende dieser köstlichen Sammlung stehen.